Armin Pichler. No drama panorama.


TEXT: ROMAN GRABNER


Alles wurde immer schneller, effizienter und umfangreicher. Alles sehen und am besten von allen gesehen werden. Online. Alles teilen, alles zeigen, Produktrezensionen, Selfies, Stories, Blog und zwischendrin irgendwie den Moment geniessen, hang loose und die scheinbar endlose Freiheit des Einzelnen! Alles irgendwie unvereinbar, dennoch dran bleiben, die anderen schaffen es doch auch. Alles muss unter einen Hut, die fortschrittliche Welt wartet nicht. Stopp! Corona. Alles anders, alles neu. Mit dem Kopf voraus ins zeitliche Vakuum und das Erwachen mit sich selbst. Wenn Blasen platzen ... no drama panorama!



In seiner Ausstellung „No drama panorama“ zeigt Armin Pichler einen Teil seiner malerischen Produktion der letzten eineinhalb Jahre. Die Werke beginnen mit dem ersten „Lockdown“ im März 2020 und spannen sich bis in die unmittelbare Gegenwart. Die ausgestellten Werke zeigen sprichwörtlich ein Panorama über die Umstände und Zustände, die sich aus dieser Pandemiesituation ergeben haben. Das heisst, der Fokus wurde auf die individuellen Umstände, auf die Probleme im privaten, wirklich persönlichen Bereich gerichtet, als auch auf die globalen Zustände.


"Armin Pichler ist ein Erzähler, er möchte in seinen Bildern eigentlich immer eine Form von Geschichte transportieren, eine Form von Erzählung ausspinnen."


Galeristin Ursula Stross und Armin Pichler | meapi


Auf seinem Gemälde „Fear and loathing“ sieht man die große Überschrift des Time Magazine, „Time“. Das ist ein Icon, das global zu lesen ist. Es geht also um die Zeit, eine ganz spezifische Zeit, es geht aber auch um die Berichterstattung über eine Zeit. Das Time-Magazine ist wahrscheinlich das auflagenstärkste Magazin in den USA und wir wissen, dass die Medien in dieser Pandemie eine ganz zentrale Rolle gespielt haben, wie sie über diese Zeit, die Einschränkungen und Repressionen berichtet haben.


Weiters zu sehen ist ein mehr oder weniger monochromer Farbsumpf, eine amorphe Masse. Und aus dieser Masse bricht das Bild einer Südseelandschaft, einer paradiesähnlichen Natur durch. Es geht um einen Einblick und es geht aber auch um einen Ausblick. Es geht darum etwas zu zeigen, das vielleicht in weite Ferne gerückt ist, wie eben ein Urlaub am Strand, eine glückliche Zeit. Es geht aber auch darum, dass aus diesem Sumpf durchaus wieder Lichtblicke hervor- bzw. hereinbrechen können. Dieser Einbruch der Realität ist zentral.


Ein Bild das genau diese „bleierne“ Zeit zeigt, ein Werk das mehr oder weniger von seinem „bleiernen“ Duktus geprägt ist hat den Titel „Isolation“. Wieder sieht der Betrachter eine amorphe Masse, eine „Anti-Form“, in der potentiell alle Formen eingeschlossen sind. Es ist die Möglichkeit einer Transformation gegeben. In diese „bleierne Zeit“ ist wiederrum ein Bild eingefasst, nämlich der Ausblick auf eine Wolkenlandschaft. Mit dem Blick auf den Himmel und die Wolken verbindet man ja ikonographisch sehr oft die Freiheit, ein Gefühl des Friedens oder eine heitere Stimmung. Also auch hier findet sich wieder ein Einblick, ein Ausblick, und ein Spiel mit der Malereitradition und Konstruktionen von Bild- und Freiheitsvorstellungen.


Dass es in dieser Zeit sehr ernst zugegangen ist und man sehr oft über die anonymen Helden gesprochen hat, die in den Intensivstationen oder in anderen Extremsituationen gearbeitet haben, zeigt sich bei dem Bild „Imperfection“: Man sieht einen Arzt, der die „Time“ besiegt hat, der ein Namenloser ist, ein Anonymer, in der Geste der Erschöpfung. Eine Erschöpfung, die diese Gesellschaft im letzten Jahr auch ausgemacht hat. Gleichzeitig geht es aber um das Suchen dieser Heldenfiguren, als würde die Gesellschaft oder das Individuum prinzipiell Helden benötigen. Jetzt waren es die Ärzte, Ärztinnen, es waren die Supermarktverkäuferinen und -verkäufer. In dieser Ausstellung finden sich aber auch andere Helden.



Da gibt es den Major Tom, über den kleinen Prinzen gelegt. Und da gibt es den Cowboy und den Indianer. Es sind Figuren mit denen wir vertraut sind, die wir aus unseren Kindheitstagen kennen, mit denen wir uns immer wieder beim Spielen identifiziert haben, die aber auch als Stereotype gelten.


Diese Stereotype setzt Armin Pichler ganz bewusst ein, indem er unter einem Bild von einem Indianer, interessanter Weise in Chinesisch/Mandarin, „Revolution now“ schreibt. Wieder geht es um diese Freiheitsvorstellungen. Man erkennt den Indianer als solchen, es geht um dieses Bild des klassischen Indianers mit dem Federschmuck. Er hat kein Gesicht, auch er ist namenlos. Und stattdessen ist wieder ein Bild eingeschoben, wieder das Bild einer Wolke, dieses Bild der Freiheit, das wir mit dem Indianer als klassisches Klischee verbinden.


Dem diametral gegenübergestellt ist das Bild eines Cowboys. Auf Arabisch steht darunter geschrieben: “Cowboy“. Cowboy und Indianer haben sich in den Kindheitstagen schon bekriegt, das kennen wir aus Comics, das kennen wir aus Filmen. Bei beiden hat Pichler kein Gesicht gemalt, beide nimmt er als Hüllen für Vorstellungen, die wir individuell aufladen. Und beide stehen für Konfliktsituationen globaler Natur, wo es immer um eine Form von „gut“ und „böse“ geht, Was gut, was böse ist, liegt sehr oft im Auge des Betrachters.



Diese Ausstellung birgt eine Fülle an unterschiedlichen Themen, die immer wieder gestreift werden, immer geht es darum, daß Pichler sie malerisch verarbeitet, mit dem Mittel der Abstraktion, mit Mitteln der Gegenständlichkeit und einer Form von Realismus, aber auch immer mit Sprache.


In der Serie „and inbetween, freedom“ zeigt Pichler eine andere Perspektive auf die Stituation, bedient sich an der Sprache der Jugend und diversen Anglizismen. Es geht um „high and low“ , wie auf einem Bild-Duo steht. High-Art und Low-Art, wie man die Populärkunst (Popart) früher bezeichnet hat. Und „high and low“ kennzeichnet hier natürlich auch die Stellung der Wolken, das heisst, es gibt sehr viele diametral gegenüberstehende Positionen in dieser Ausstellung, ein sprichwörtliches Panorama: Ein Ausblick auf eine Landschaft, auf eine Himmelsszenerie , bis zu einem gewissen Grad ein Sittenbild, das durch die gesellschaftliche Stimmung die den Bildern innewohnt, entsteht.



Das Ganze manifestiert sich im einzigen Objekt der Ausstellung: Eine „empty box“, auf den ersten Blick eine Holzbox, die aber aus lauter Bleistiften zusammengebaut ist. Diese Box steht für etwas, das gefüllt werden kann und auch gefüllt werden soll. Aber wie füllt man einen leeren Raum?